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Facelessbook

Schlimme Neuigkeiten aus der Welt da draussen sind unser täglich Brot. Sie gehören zum Alltag wie das tatsächliche tägliche Brot, das wir zum Frühstück mit Marmelade bestreichen. Und während in unserer Gesellschaft klar unterschieden wird zwischen Banalem (das Frühstück) und Spektakulärem (die News), ist unser eigenes Leben doch zum allergrössten Teil von der sogenannten „Banalität“ geprägt. Wir sind gar nicht fähig, so viel Leid an uns herankommen zu lassen, gehen stattdessen mehr oder weniger immun unseren alltäglichen Besorgungen nach.

Dass auf Instagram Fotos von den frisch lackierten Nägeln geteilt und auf YouTube ganze Lebensmitteleinkäufe in die Kamera gehalten werden, zeigt, wie wir in unserer Ohnmacht angesichts der Ungerechtigkeit auf Erden unserem scheinbar nichtigen Dasein Sinn geben wollen, indem wir zum Reporter des eigenen Lebens werden. Denn schlussendlich ist es die Kumulation von Alltag, die unsere Existenz ausmacht.

Doch banal ist der Alltag nur, so lange man ihn nicht reflektiert.

„Facelessbook“ macht den Alltag zum Spektakel – nicht nur in inhaltlicher sondern auch typografischer Hinsicht. 55 Menschen (Bekannte, Verwandte, Nachbarn, Freunde, Zufallsbekanntschaften) aus den verschiedensten Berufs- und Altersgruppen haben mir handschriftlich Fragen zum Alltag und ihrer Lebenseinstellung beantwortet. Im Buch erscheinen sie anonym, doch Schriftgrösse, Schriftstärke und Ausrichtung ihrer Antworten geben Aufschluss über Alter, Bildungsgrad und Geschlecht.

Der Leser ist aufgefordert, selber Rück- und Trugschlüsse zu ziehen, wer sich hinter den Aussagen verbergen könnte. Seine Menschenkenntnis wird auf die Probe gestellt und die Skepsis am Fremden geschwächt.

Rebecca Wey
BA-Diplom 2017